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Ein Hospital für den „Vaterländischen Frauen-Hülfs-Verein“

So sehr die unter dem Zeichen des Roten Kreuzes arbeitenden Vereinigungen sich der gemeinsamen großen Idee verpflichtet fühlten, so sehr waren sie doch in den Anfangsjahren darauf bedacht, ihr Werk unabhängig voneinander in Szene zu setzen. Sogar die Trennung von Männern und Frauen war noch auffällig gewollt und setzte allerdings auch deutliche Akzente.

Henry Dunant hatte in seinen Erinnerungen an die Schlacht von Solferino und dem später formulierten Aufruf die Frauen ausdrücklich in sein Konzept einbezogen und vielleicht gespürt, dass er bei ihnen auf große Resonanz treffen würde: „Ein solcher Aufruf müsste sich gleichermaßen an Frauen und Männer wenden, an die Prinzessinnen zu den Stufen des Thrones ebenso wie an das einfache Dienstmädchen, das als Waise aufgewachsen in ihrer niederen Arbeit aufgeht, oder an die arme Witwe, die niemanden mehr hat in der Welt und ihre letzte Kraft dem Wohle des Nächsten opfern will...“

Vielleicht unterschieden sich die Frauen im „Hülfsverein“ in der Art der Zuwendung, die sie Bedürftigen zu geben imstande waren; in der Sache selbst gab es kaum Unterschiede: die Lebensumstände und die Ereignisse zwangen den Hilfsorganisationen die Gesetze de Handelns auf. 1867 hatte der „Frauen-Hülfs-Verein“ noch ausschließlich die Linderung der ostpreußischen Not im Sinn gehabt. Zwei Jahre später war vom Hülfs-Verein bereits die Rotkreuz-Schwesternschaft gegründet worden.

Sowohl im Heeressanitätsdienst als auch in zivilen Hospitälern gab es auf diesem Gebiet Defizite, die besonders durch den Krieg von 1866 offenkundig geworden waren. Man durfte die Verwundeten und Kranken nicht länger schlecht ausgebildeten „Krankenwärterinnen“ überlassen, sondern man musste den zum Teil gut arbeitenden konfessionellen Pflegerinnen zeitgemäße weltliche Krankenpflegerinnen zur Seite stellen.

Man begann ganz bescheiden mit fünf Pflegerinnen, die der „Vaterländische-Frauen-Hülfs-Verein“ einstellte. Zwei von ihnen mussten noch in einem dreimonatigen Kursus an den Kieler „Akademischen Heilanstalten“ auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. Die ersten Hamburger Rotkreuz-Schwestern wurden als Hauskrankenpflegerinnen eingesetzt; denn es war vor hundert Jahren üblich, dass Kranke von ihrer Familie zu Hause betreut wurden und gelernte Schwerstern die Familie darin unterstützten.

Die Hamburger Bürgerschaft lobte damals dieses spezielle Pflegeangebot als für Reiche wie auch für Arme gleichermaßen hilfreich. Die von den Schwestern erbrachten Leistungen wurden in den Jahresberichten detailiert fest gehalten. Für das Jahr 1875 heißt es: „Unsere 9 Pflegerinnen haben...in der Privat- und in der Armen-Krankenpflege 2.555 Tage und 2.657 Nächte gepflegt und außerdem 83 Besuche gemacht zum Verbinden etc.“ Von Anfang an wurde durchaus auch gesehen, was das Werk der Menschlichkeit im Sinne Dunants auch gefährden konnte.

Mehr als einmal wurde darauf hingewiesen, dass die Annahme von Geschenken den Schwestern streng untersagt war: „Den Pflegerinnen aufgedrungene Geschenke müssen sofort abgeliefert werden. Wenn die Vereinspflege im richtigen Geiste ausgeführt werden soll, so muss die Pflegerin ihren Lohn in dem Bewusstsein getreuer Pflichterfüllung und in dem Dankgefühl des Kranken und seiner Angehörigen, nicht aber in der mehr oder weniger reichen materiellen Ausstattung finden.“ Erst 1911 ging der Frauen-Hülfs-Verein dazu über, die Gehälter seiner Schwestern denen des Pflegepersonals in den hamburgischen Staats-Krankenanstalten anzupassen.

Mit dem Beginn des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 waren die zivilen Einsätze reduziert worden; denn ein Teil der Pflegerinnen hatte seine Bewährung im Lazarettdienst gefunden und gab in diesem Einsatz für das Vaterland - wie ein Vorstandsbericht stolz überliefert - „heroische Beispiele von Todesverachtung“. Dass sich der Frauen-Hülfs-Verein in den Kriegsjahren enger an den Männerverein zur Pflege im Felde verwundeter Krieger anschloss und mit ihm sogar einen Zentralvorstand der vereinten Komitees bildete, ergab sich zwangsläufig aus der gemeinsamen Zielsetzung.

Auch die Frauenorganisationen selbst rückten überregional enger zusammen und fanden im letzten Viertel des Jahrhunderts zunehmend Ansätze, gemeinsame Probleme auch gemeinsam zu lösen. Schon vor Ausbruch des Krieges war der Beschluss gefasst worden, eigene Räume zu schaffen, in denen nicht nur der Kranke betreut werden, sondern in denen auch weitere der so dringend benötigten Krankenpflegerinnen ausgebildet werden konnten.

Noch Ende 1871 wurde die erste (angemietete) Poliklinik in der Neustädter Fuhlentwiete eröffnet. Aber immer wieder verlangten die rührigen Damen nicht nur ein eigenes Hospital, sondern auch ein „Pflegerinnen-Asyl“ für die Unterbringung der Schwestern vom Roten Kreuz. Ihrer Hartnäckigkeit konnte sich auch der Senat nicht entziehen: Er stellte einen Bauplatz am Schlump zur Verfügung. Zur Grundsteinlegung am 22. April 1876 kamen außer Vertretern des Senats, der Bürgerschaft und des Medizinalkollegiums auch Abgesandte des Hanseatischen Infanterie-Regiments Nr. 76, dessen Denkmal ein gutes Jahrhundert später in politische Auseinandersetzungen gezogen werden sollte.

Genau zehn Jahre nach seiner Gründung hatte der Vaterländische Frauen-Hülfs-Verein das Unvorstellbare in die Tat umgesetzt: Er verfügte über ein eigenes Vereinshospital mit zunächst 50 Betten. Aber schon bald wurde das Haus in mehreren Schritten durch Spezialabteilungen (z.B. für Lungenkranke und Tuberkulöse) erweitert, so dass anstelle der 200 Patienten im Jahr bis zu 800 Kranke behandelt werden konnten. Das Vereinshospital war auf dem höchsten Stand der Medizintechnik, und eine in Hamburg vielgelesene Zeitung wagte 1907 in Bezug auf die nicht-medizinische Ausstattung sogar den Vergleich mit einer „eleganten Privatpension“.

Senator Dr. Schröder bescheinigte dem Hospital anlässlich seines 25jährigen Jubiläums, es habe es stets als vornehmste Aufgabe angesehen, „im edelsten Wettkampfe mit allen staatlichen wie privaten Anstalten den gewaltigen Anforderungen zu genügen, welche die moderne Wissenschaft ...stellt.“ Wie die dort geleistete Arbeit einzuschätzen war, beweist die Tatsache, dass die hamburgischen Behörden das Vereinshospital 1908 als staatliche Krankenpflegeschule anerkannten.

Nicht nur der Bau eines solchen Hospitals kostete viel Geld, auch die laufenden Kosten waren aus den finanziellen Mitteln des Vereins allein nicht aufzubringen. Auf großzügige Spenden ist ein solches Werk, wie es der Vaterländischen Frauen-Hülfs-Verein erfolgreich in Szene gesetzt hat, allemal angewiesen. Im Großen wie im Kleinen. Die Jahresberichte erwähnen immer wieder auch die „Naturalabgaben, die uns von den Freunden unserer Sache gütigst zugewendet“ wurden: Die Geschenke reichen von Mineralbrunnen, Fruchtsäften und Pflaumenmus über Verbandmaterial und Leinenzeug bis hin zu wertvollen Ölgemälden und anonym geschickten Spardosen.

Nicht zuletzt auch solchen Spenden ist es zu danken, wenn der Frauen-Hülfs-Verein innerhalb eines halben Jahrhunderts zu einer bemerkenswert leistungsfähigen Organisation heranreifte, die mit Außenstationen auch noch das Städtische Krankenhaus in Wandsbek und die Klinik St. Gertrud betreuen konnte. In der Bilanz zum fünfzigjährigen Bestehen des Vaterländischen Frauen-Hülfs-Verein wird nicht ohne Stolz festgestellt: „Aus den Anfängen der Schwesternschaft vom Roten Kreuz von fünf Schwestern im Jahre 1869 hat sich allmählich eine gut geschulte, staatlich geprüfte Schwesternschaft von 76 Schwestern herangebildet. Außerdem gehören dem Mutterhaus zur Zeit 21 Lern- und 12 Hilfsschwestern an.

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