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Internationale Einsätze als Bewährungsprobe

Es gab zwei schicksalhafte Ereignisse, die Hamburg im 19. Jahrhundert erschütterten und aufrüttelten. Eines war die verheerende Brandkatastrophe von 1842, das zweite war die verhängnisvolle Cholera-Epidemie genau fünfzig Jahre später. Unzulängliche hygienische Verhältnisse hatten die Krankheitswelle ausgelöst. Zwar hatte die Bürgerschaft die Missstände bereits in den siebziger Jahren erkannt, aber die konjunkturelle Lage hatte große Investitionen zur Verbesserung der Hygiene nicht zugelassen.

Außerdem war Hamburg in diesen Jahren zu sehr mit dem gigantischen Bauprojekt des Freihafens beschäftigt. Als man sich endlich 1891 zum Bau einer zentralen Filtrieranlage für die Wasseraufbereitung entschloss, war es zu spät. Die Zunahme der Bevölkerung durch Geburt und Zuwanderung hatte die Lebensverhältnisse und damit die Hygiene in den überbelegten Wohnungen drastisch verschlechtert.

Als das ungereinigte Elbwasser die Cholera erst in die beengten Behausungen gebracht hatte, konnte sie sich angesichts der räumlichen Enge ungehindert ausbreiteten. 17.000 Hamburger erkrankten, mehr als 8.600 ließen ihr Leben, zumeist diejenigen, deren Gesundheitszustand durch schlechte Ernährung oder durch Überarbeitung unter menschenunwürdigen Bedingungen ohnehin schlecht war.

Der in Berlin tätige Bakteriologe Robert Koch, der die Zusammenhänge zwischen der Cholera und den mangelhaften hygienischen Zuständen wesentlich mit aufgeklärt hatte, ging mit den Hamburgern hart ins Gericht. Seine Vorwürfe wurden auch im Reichstag aufgenommen, und für die Hansestadt bedeutete die Diskussion um die „einer europäischen Metropole unwürdigen Verhältnisse“ eine Schädigung ihres Ansehens, nicht nur in Deutschland.

Immerhin bewirkten die Angriffe wenigstens die konsequente Stadtsanierung mit mehr Licht und besserer Durchlüftung der Wohnungen, und sie bewirkte die beschleunigte Fertigstellung einer bereits begonnenen Kläranlage für Trinkwasser.

Für das Hamburger Rote Kreuz wurde die Cholera-Epedemie die erste große Bewährungsprobe in Hamburg selbst. Erstmals profitierte Hamburg von der überregionalen Zusammenarbeit der verschiedenen Rotkreuz-Organisationen. Eine Epidemie, wie der Ausbruch der Cholera musste Hamburg allein überfordern; und so ist es nahe liegend, dass sich Schwesternorganisationen außerhalb Hamburgs ihrer selbstgestellten Aufgabe mit großem Engagement widmeten.

Königliche Hoheiten wie die Prinzessin Albrecht von Preußen übersandte aus Hannover „wohltätige Hülfe für Hamburgs Noth und Elend“ ebenso selbstverständlich wie die Prinzessin Heinrich von Preußen, die dem Vaterländischen Frauen-Verein in Kiel vorstand.

Sechzig Jahre zuvor war die Hilfe für Cholera-Kranke noch das Werk einiger weniger gewesen. Amalie Sievekings 1831 verfasster „Aufruf an christliche Seelen“ war überhört worden. 1892 aber stellten sich viele Hamburger Frauen und Männer in den Dienst der Seuchenbekämpfung und der Pflege cholerakranker Menschen. Allein der Vaterländische Frauen-Hülfs-Verein vom Roten Kreuz entsandte zwölf gut ausgebildete Schwestern nach Eppendorf.

In der Zeit der Cholera-Epidemie erwies sich der Wert der intensiven Ausbildung, der sich im Geiste Henry Dunants zunehmend junge Menschen unterzogen hatten. Zwar war es für die „Freiwilligen Krankenpfleger“ zunächst schwierig gewesen, Mitglieder zu gewinnen. Aber ein 1888 gebildetes Komitee, das die Werbung für die Sache der Menschlichkeit intensivierte, führte eine große Zahl auch älterer Hilfswilliger an die vielfältigen Aufgaben der Krrakenpflege heran.

Dass sich viele Mitglieder nicht nur routinemäßig engagierten, sondern auch Phantasie in die Arbeit einbrachten, beweist der Bau einer „Räderbahre“, die der Vorsitzende der damals noch zu Preußen gehörenden Altonaer Kolonne entwickelt hatte. Das Krankentransportgerät erwies sich als so nützlich, dass die Kolonne aus Hamburgs Nachbarstadt international bekannt wurde und eine Reihe von Auszeichnungen erhielt.

Die Ausbildung in den jeweils zehn Jahren vor und nach der Jahrhundertwende beschränkte sich keineswegs nur auf die Krankenpflege im engeren Sinn. Das Projekt umfasste auch das nächtliche Herrichten von Eisenbahnwagen, Autos und Fuhrwerken für den Krankentransport. Ebenso wurde das Aufschlagen von Krankenzelten geübt und das Aufsammeln und Verbinden Verwundeter.

In einer Stadt, die so eng mit der Schiffahrt verbunden ist wie Hamburg, spielten naturgemäß die „Wasserübungen“ eine besondere Rolle: Übungen an Flußfahrzeugen, Schuten und Seedampfern sowie der Umgang mit der Marinetrage.

In Cuxhafen, wo die Hamburger Kolonne eine Zweigstelle unterhielt, wurden die praktischen Übungen auf dem von der Hapag gestellten Lazarettschiff „Hansa“ durchgeführt. Ein Auszug aus einem Kolonnenbericht von 1905 vermittelt einen Einblick in die Intensität des Ausbildungsprogramms, das ja neben dem täglichen Dienst zu bewältigen war: Von Mai bis Oktober wurden 17 Übungen absolviert, darunter eine Wasserübung am Kaiser-Wilhelm-Höft mit Eisenbahn- und Schuteneinsatz, eine Festungsübung am „Fort Kugelbake“ in Cuxhaven, eine Rettungsübung in einer Wandsbeker Fabrik, eine Exerzierübung auf dem Bahrenfelder Exerzierplatz, ein 40-Kilometer-Nachtmarsch mit nächtlicher Versorgung von Verwundeten, eine Improvisationsübung mit einem Leiterwagen für den Krankentransport, Test eines neuen Ambulanzwagens auf dem Heiligengeistfeld, Eisenbahnübung an der Sternschanze, Hafenübung mit dem Lazarettschiff „Hansa“.

An Möglichkeiten, die in Übungseinsätzen gesammelten Erfahrungen praktisch einzusetzen, mangelte es nicht. An vielen Stellen der Erde gab es um die Jahrhundertwende kriegerische oder kriegsähnliche Auseinandersetzungen, und eine Reihe spektakulärer Naturkatastrophen hielten die Welt in Atem, bevor der Erste Weltkrieg alles überschattete. 1889 war das Hamburger Rote Kreuz in Deutsch-Ostafrika im Einsatz, 1897 leistete es Hilfe im Griechisch-Türkischen Krieg. Dann brach in Südafrika der Burenkrieg aus.

Am 8. März 1899 hatte sich die erste „Colonne“ von vier Hamburger Schwestern und einem Krankenpfleger in Neapel auf dem Dampfer „König“ Kurs -Transvaal eingeschifft, um Verwundete zu pflegen. Hamburg war die erste Stadt, die zu einer Sammlung von Geldspenden und Hilfsgütern für die Ausrüstung einer solchen Hilfsexpedition aufgerufen hatte. Die bald darauf ausrückende zweite Colonne nahm bereits eine vollständige Lazarettausrüstung für 300 Verwundete, ein transportables Röntgengerät und Verpflegung für zwei Wochen mit auf die Reise.

In einem später veröffentlichen Zeitungsbericht über die Hilfe des Roten Kreuzes aus Deutschland heißt es, sie sei durch die starke Sympathie der Deutschen für die Buren zu erklären, die auf dem deutschen Gerechtigkeitsgefühl beruhe. Auch den Engländern sei Hilfe angeboten worden, die aber mit dem Hinweis, es seien genügend versorgt, dankend abgelehnt hätten. (Später haben sich die Engländer lobend über die Arbeit der Hamburger Colonne geäußert.)

Die Hamburger Hilfe für Südafrika erregte soviel Aufsehen, dass die Colonne vor ihrer Abreise sogar von der Kaiserin empfangen worden war. Der Reichspostdampfer „Herzog“ der Deutschen Ostafrika-Linie, der die Helfer an ihren Einsatzort bringen sollte, wurde vor Beira von einem englischen Kriegsschiff aufgebracht und nach Durban geleitet.

Welchen Respekt das Rote Kreuz schon damals genoss, beweist die Haltung der Engländer: Nach heftigen Protesten wurde die Hilfsexpedition zwei Tage später freigelassen und konnte mit der Eisenbahn nach Pretoria weiterreisen. In Springfontain wurde das erste deutsche Hospital durch das Hamburger Rote Kreuz aufgebaut.

1904 bewährten sich Helfer des Hamburger Roten Kreuzes überzeugend bei einer Brandkatastrophe in Norwegen: Im Januar 1904 gingen Schwestern des Frauen-Hülfs-Vereins zusammen mit Ärzten und Schwestern des Eppendorfer Krankenhauses und Helfern der Hamburger Kolonne vom Roten Kreuz sowie der Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger vom Roten Kreuz an Bord des Hapag-Schiffs „Phönicia“. Der Dampfer brachte die Helfer zur norwegischen Stadt Aalesund, die durch eine Brandkatastrophe große Zerstörungen erlitten hatte.

Während der viertägigen Fahrt richteten die Frauen und Männer auf dem Schiff einen Lazarettraum ein und konnten so schon zwei Stunden nach der Ankunft der „Pfönicia“ mit ihrer Arbeit beginnen. Dabei ging es nicht in erster Linie um medizinische Hilfe. Innerhalb einer Woche wurden 13.000 Menschen verpflegt und fast 2.500 Obdachlose fanden in der ersten Not eine Bleibe.

Dann wieder wurden die Frauen und Männer 1905 bei den Unruhen in Russland gebraucht, und 1909 waren sie dabei, als die Erdbebenkatastrophe von Messina 3.000 Flüchtlinge nach Syrakus vertrieben hatte, von denen jeder dritte dringend medizinischer Hilfe bedurfte.

Zwischendurch gab es Großeinsätze in Hamburg: 1906 beim Brand der Michaeliskirche, drei Jahre später bei der Explosion der Gasanstalt. Die Unterstützung seitens der Bevölkerung war immer dann besonders groß, wenn spektakuläre Ereignisse die Arbeit des Roten Kreuzes deutlich machten.

Und man darf wohl unterstellen, dass bei denen, die ihre persönliche Hilfe anboten, auch eine gehörige Portion Abenteuerlust im Spiel war, zumindest der Wunsch, fremde Länder und ihre in Not geratenen Menschen kennenzulernen.

Das führte dann dazu, daß gelegentlich sogar Hilfsangebote zurückgewiesen werden mussten. Im Juni 1900 - als in China der Boxeraufstand tobte - erschien in der Presse eine Notiz, in der es hieß: „Herr Dr. Wichern im Rauhen Hause wird täglich von männlichen und weiblichen Personen in Anspruch genommen, die nach China als Pfleger resp. Pflegerinnen entsandt werden wollen. Dem gegenüber können wir mitteilen, daß der Bedarf zunächst gedeckt ist und ebenso 10 Namen besonders bewährter Pfleger schon auf der Reservierungsliste stehen...“ Pastor Wichern war Gründer de Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger vom Roten Kreuz.

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